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Ergotherapeutische
Behandlungsansätze bei der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung
ADHS
Die Verordnung
und Durchführung von Ergotherapie bei Kindern mit ADHS
wird einerseits von vielen Fachleuten als notwendig, sinnvoll und wirksam
anerkannt, andererseits jedoch auch immer wieder kritisch diskutiert
und hinterfragt.
Zu dem
leider immer noch häufig vorhandenen Halbwissen über ADHS
gesellt sich bei dem Thema "Ergotherapie
bei ADHS" ein noch größeres
Unwissen bzgl. der ergotherapeutischen Inhalte.
Hier
soll ein praxisorientierter Überblick über spezifische
ergotherapeutische Behandlungsansätze bei ADHS
gegeben werden. Begleitend sollen die wesentlichen Grundsätze
ergotherapeutischer Arbeit erläutert werden.
Was können
die Resultate einer gezielten und effektiven ergotherapeutischen Behandlung
bei ADHS sein?
Eine ausführliche
ergotherapeutische Befundung steht am Anfang jeder Behandlung (Elterngespräch,
Berücksichtigung der Kindergarten-, Schulsituation, sensomotorische,
perzeptive, geistige und sozioemotionale Statuserhebung; spezielle Überprüfungs-,
Testverfahren).
Bei ADHS-Kindern
wird dabei besonders der Focus auf das (meist zu hohe oder zu niedrige)
Erregungsniveau und die Reizüberflutung
des Kindes gerichtet.
Es wird
überprüft, welche sensomotorischen Präferenzen das Kind
benötigt um einen angemessenen Wachsamkeitszustand zu erreichen.
- Kinder,
die Schwierigkeiten im Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung, der Impulskontrolle,
der Handlungsplanung und begleitend häufig Entwicklungsstörungen,
Teilleistungsschwächen und Lernstörungen aufweisen, kann
unter Einbeziehung verhaltenstherapeutischer und lerntherapeutischer
Aspekte mit folgenden ergotherapeutischen Maßnahmen geholfen
werden:
a) Eine fundierte sensomotorisch-perzeptive ergotherapeutische Behandlung
kann komorbide Auffälligkeiten in der Bewegungsplanung, Körperkoordination
und Feinmotorik vermindern und die Wahrnehmungsverarbeitung, die
hyperkinetische Symptomatik und das Erregungsniveau positiv beeinflussen.
Folgende
ergotherapeutische sensomotorisch-perzeptive Behandlungskonzepte
haben sich bei ADHS bewährt:
- Perzeptionstraining
- visuell-
auditive Wahrnehmungstherapie
- Affolter
- Sensorische
Integrationstherapie nach J. Ayres
- Koordinationsschulung,
tonusaufbauende Maßnahmen, Übungen zur Aufrichtung
und verbesserten Tonusregulation, Übungen zur Bewegungskoordination
- Graphomotoriktraining
- räumlich-
konstruktives Training (z.B. Frostig)
b) Im Rahmen einer neuropsychologisch orientierten Behandlung
kann Ergotherapie die
Reizfilterschwäche, verminderte Aufmerksamkeit und
Handlungsplanung dieser Kinder verbessern und zu einer automatisierten
Selbstregulation führen. Neben der Nutzung spezieller
Konzentrations- und Kognitionstrainings wird häufig
ein Selbstinstruktionstraining, die Erarbeitung von Merksprüchen,
Arbeitsplänen usw. mit z.B. handwerklichen Aufgabenstellungen,
welche für das Kind bedeutsam sind, verknüpft.
c) Eine psychisch-funktionelle Behandlung kann die sozioemotionalen-
Kompetenzen des Kindes verbessern, der psychischen Stabilisierung
und dem Stressabbau dienen und zur Verbesserung des Selbstwertgefühls
führen. Angewandt werden z.B.:
-
Ausdruckszentrierte
und kompetenzzentrierte ergotherapeutische Verfahren
-
Entspannungstrainings
und Stilleübungen
-
Psychomotorischen
Ansätzen
- Sozialkompetenztrainings
(Rollenspiele Partner / Gruppentherapie)
- verhaltenstherapeutisch
orientiertes Selbstinstruktionstraining
- Verhaltenstherapie
2. In der ergotherapeutischen Behandlung von ADHS-Kindern
sind folgende Grundsätze zu beachten:
a) "Vom Behandeln zum sinnvollen Handeln" beschreibt vereinfacht
den handlungsorientierten Grundsatz der Ergotherapie und ist mit der
Verbesserung der Handlungsfähigkeit eines der zentralen Ziele
der Ergotherapie. Es werden Aktivitäten ausgewählt, die
für das jeweilige Kind von Interesse und Bedeutung sind und gleichzeitig
therapeutischen Zielen gerecht werden. (So wird z.B. ein Kind, welches
schwere große Schaumstoffbauklötze schiebt, um sich damit
ein Haus zu bauen, im Verlauf dieser für ihn sinnvollen Tätigkeit,
über den gezielten propriozeptiven Input zunehmend ruhiger. Mit
der verbesserten Tonusregulation und Wachsamkeit ist es danach z.B.
in der Lage, konzentriert am Tisch zu arbeiten.)
b) Der
alltagsorientierte Grundansatz der Ergotherapie
greift die individuellen Probleme des täglichen Lebens dieser
Kinder auf und versucht konkret im Alltag des Kindes konstruktiv einzuwirken.
(Wenn das Kind z.B. übermäßig viel Zeit beim Anziehen
benötigt, kann das " Schuhe und Jacke An und Ausziehen"
ein Bestandteil der Therapie sein.)
c) Die
Zusammenarbeit mit den Eltern: Ergotherapeuten bemühen sich sehr,
den Bezugspersonen die individuellen Gegebenheiten (Stärken und
Auffälligkeiten) des Kindes unter Einbeziehung neurophysiologischer
und neuropsychologischer Aspekte zu erklären. Die Eltern können
so ihr Kind besser verstehen, werden entlastet und reagieren verständnisvoller.
Eine verbesserte Eltern- Kind- Interaktion ist häufig Folge.
Die Eltern sollten intensiv in die Therapie eingebunden sein, um den
Transfer der Therapieinhalte in den Alltag unterstützen zu können.
Darüber hinaus können Ergotherapeuten im Rahmen eines Hausbesuches
("Beratung im häuslichen Umfeld") konkret beraten und
unterstützen (z.B. Gestaltung des Kinderzimmers, hilfreiche Sitzadaptionen
)
d) "Ergotherapie
macht Spaß" verdeutlicht einen weiteren Grundsatz ergotherapeutischen
Handelns. Die Vermittlung von häufig greifbaren Erfolgserlebnissen
und die Einbeziehung von positiven Emotionen wie Freude, Stolz, Lust,
Spaß und Neugier sind wichtige Eckpfeiler in der Therapie. Sie
ermöglichen über eine verbesserte Motivationslage und Wachsamkeit,
die Gehirnaktivität zu steigern und damit die gewünschten
Automatisierungs- und Lernprozesse zu vertiefen um darüber auch
die Leistungsbereitschaft der Kinder zu erhöhen. Ergotherapeuten
sorgen daher ganz besonders dafür, dass die Aufgaben/Therapieinhalte/Spielideen
am Alltag des Kindes und dessen Interessen orientiert sind.
Der ressourcen-aktivierende Grundsatz der Ergotherapie kann mit der
Verbesserung der Handlungsfähigkeit, dem Ermöglichen von
Erfolgserlebnissen und der Erarbeitung und Bewusstmachung der individuellen
Stärken, Fähigkeiten, Motivationen, Interessen und Wünsche,
das Selbstwertgefühl dieser Kinder verbessern und so zu einer
emotionalen Stabilisierung beitragen. (Daher beraten und ermutigen
Ergotherapeuten das Kind und die Eltern ausführlich über
die Nutzung geeigneter Sport- und Freizeitaktivitäten.)
Eltern, Pädagogen, Therapeuten und Ärzte wissen, dass bei
der Vielfalt und Ausgeprägtheit der Schwierigkeiten und Probleme
der ADHS- Kinder, verbunden mit den häufigen
Misserfolgserlebnisse und negative Rückmeldungen der Umwelt,
dazu führen, dass die Kinder sich als unzureichend und versagend
wahrnehmen. Eine resignative Grundhaltung bis hin zu depressiven Symptomen
sind Folgen dieses Teufelkreises.
Eine solchermaßen gestaltete und durchgeführte Ergotherapie,
kann innerhalb eines multimodalen Behandlungskonzeptes und unter Einbeziehung
verhaltenstherapeutischer Prinzipien, dem ADHS-
Kind gezielte und konkrete Hilfestellung anbieten und somit sekundären
Neurotisierungen entgegenwirken.
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